Rundgang durch das Breddeviertel Witten

Der Breddeviertel-Podcast. In der ersten Episode erleben Sie einen Spaziergang entlang der Achsen des Viertels. Vom Kiosk am Rathaus entlang der Wideystraße bis zum Carl-von-Ossietzky-Platz und weiter entlang der Breite Straße über den Karl-Marx-Platz bis zur Breddestraße. Ralph Klein und Kerstin Glathe stecken die historischen Grenzen ab, erzählen Anekdoten und führen in die Geschichte des Viertels ein.

Podcast

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Audiowalk Breddeviertel Witten

Mit unserer Karte könnt Ihr unseren Weg nachvollziehen und vielleicht habt Ihr Lust beim nächsten Spaziergang Euch im Breddeviertel umzuschauen.Foto: Marek Schirmer
Mit unserer Karte könnt Ihr unseren Weg nachvollziehen und vielleicht habt Ihr Lust beim nächsten Spaziergang Euch im Breddeviertel umzuschauen. (Karte: MS)

Wideystraße Witten

Die Wideystraße war um 1860 bis 1870 eine sehr wichtige Straße, denn seit 1863 hatten wir das damals spätere Reichsbahn-Ausbesserungswerk genannte, heute noch bestehende Werk in der Kesselstraße. Dort arbeiteten über 1000 Männer. Frauen glaube ich nicht, aber die Ehefrauen dieser Männer und die Kinder mussten die Wideystraße nutzen, die Frauen, um auf den Markt zu gelangen oder sonst irgendwas in der Stadt erledigen zu können, und die Kinder nahmen diesen Weg, um zur Schule zu gelangen.

Die Wideystraße war eben noch keine Straße, sondern ein Weg, krumm und schief, entsprach nicht den preußischen Vorschriften, die eine Straße einzuhalten hatte. Deswegen sollte diese Straße auch begradigt, verbreitert und saniert werden. Damit stritt sich der zuständige Verwalter der Reichsbahn-Werkstatt vor allem mit dem Herrn Berger im Stadtrat. Herr Berger hatte eher Interesse daran, die Ruhrstraße und die südliche Innenstadt zu sanieren, weil dort seine Arbeiter wohnten und er gute Transportmöglichkeiten für die Produkte seines Unternehmens haben wollte.

Aber herausgekommen ist eben ein Plan, der in diesem Gebiet in erster Linie die Grundlagen für eine vernünftige Stadtentwicklung legte. Die südliche Innenstadt kam etwas später dran. In der Wideystraße standen viele Häuser noch nicht, aber es gab bereits mehrere Kneipen, ein Kolonialwarengeschäft und hier waren kleine Handwerker und so weiter zu finden. Jetzt ist hier eigentlich nur noch Wohnbebauung. Man kann an einigen Häusern noch sehen, dass die ehemaligen Geschäftseingänge zugemauert wurden, und dass das Haus Nummer 31 sehr schön renoviert ist. Es ist eins der wenigen alten Häuser. Die Nummer 25, das gelbe, ist ähnlich.

540,90

Meter länge

30. Juli 1863

Datum der Bennenung

Wichtige Einrichtungen

Rathaus, Ev. Kreiskirchenamt,
Help-Kiosk & Trotz Allem

So ungefähr 50 Meter zurück auf der rechten Seite war, glaube ich, eine Kneipe. Jetzt gibt es hier nur noch einen Kiosk auf dem Carl von Ossietzky Platz. Dieser Platz war Teil des Stadtentwicklungsplans damals1867. Er war einer von drei Marktplätzen, die die Stadt Witten nach Vorgaben der Regierung in Arnsberg errichten sollte, damit die Bevölkerung die Möglichkeit hätte, sich mit Lebensmitteln zu versorgen. Das war der Ossietzky Platz, der Humboldt Platz und der Karl-Marx-Platz. Keiner dieser drei Plätze ist jemals zum Marktplatz geworden, und den Karl-Marx-Platz hatte die Stadt Witten schon gar nicht haben wollen.

Lev-HaSharon-Platz Witten

Hier ist der Lev-HaSharon-Kreisverkehr, und an diesem Kreisverkehr am Eingang zur Wideystraße standen schon um 1890, vielleicht sogar etwas früher, zwei Bankgebäude. Links, heute Deutsche Bank, war die Essener Kreditanstalt, ein Vorläuferinstitut der Deutschen Bank, und hier rechts, wo jetzt die Kieferorthopädie ist, befand sich die Wittener Niederlassung der Reichsbank.

Hier spielte sich Ende März 1920 ein quasi Abenteuer ab. Das war die Zeit Ende März 1920, also nach dem Kapp-Putsch, am 13. März 1920, die deutsche Arbeiterschaft legte einen Generalstreik hin, auch in Witten wurde komplett gestreikt. Daraus ist der Aufstand der roten Ruhr entstanden, auch hier in Witten. Die Männer und Frauen, die die Weimarer Demokratie, gegen diesen Angriff der Putschisten verteidigt hatten, sollten offiziell entschädigt werden. Sie arbeiteten ja nicht, brauchten aber Geld, um leben zu können, und dazu wurden öffentliche Gelder aus dem Stadthaushalt benötigt, und die lagerten in den Tresoren der Reichsbank, in dem Vorläuferbau, von dem Bau, von dem wir stehen.

Dann erfuhr der Reichsbankchef von Witten, dass eine Delegation der Arbeiterschaft die benötigten Lohngelder abholen wolle. Und daraufhin packte der Chef der Reichsbank das komplette Geld aus dem Tresor. Das waren über 300.000 DM damals, in zwei Säcken, und flüchtete mit dem Geld durch das hintere Fenster, durch den Garten Richtung Augustastraße, und dort bestieg er die Straßenbahn nach Langendreer.

Das bekam aber ein Arbeiter mit, der gerade hier vorbeikam, und er informierte den Arbeiterrat, der sich daraufhin ein Pferd und einen Wagen besorgte und zwei Arbeiter hinter dem flüchtenden Reichsbankdirektor her jagte, um ihm die Lohngelder wegzunehmen. Und das gelang in einer wirklich filmreifen Szene, überholte die Pferdewagen die Straßenbahn am Krengeldanz war das also noch auf Wittener Stadtgebiet bremst du die Straßenbahn aus, zwei Männer, angeblich bewaffnet, gingen in die Straßenbahn und nahmen den Reichsbankpräsidenten und unseren Kassierer aus in Witten erreicht, beim Präsidenten und seinen Kassierer mit sich, und damit auch das Geld.

Das Geld wurde dann in der Sparkasse, in der Stadtsparkasse gebunkert, und fast alles, bis auf die Lohngelder, wurde der Reichsbank Kinder zurückgegeben. In der Literatur wird das immer als fiese kriminelle Handlung der Arbeiter betrachtet. In der Nähe der Reichsbankpräsident war doch der Räuber. Das interessiert mich jetzt. Wollte der sich selber bereichern daran, mit der Kohle? Da hat er das den Arbeitern nicht gegönnt, die Kohle? Die Quellen sagen, er wollte das als Lohngelder zu einer Langendreer Zeche bringen, ich glaube, Zeche Bruchstraße, damit die Bergleute dort ihren Lohn erhalten könnten. Ich halte das ehrlich gesagt für eine Ausrede.

Breitestraße Witten

Die Leute glauben immer, die Breite Straße heißt Breitestraße, weil sie eine breite Straße sei. Wie man sieht, ist es noch heute Quatsch. Die preußischen Gesetze schrieben vor, dass eine Straße in Preußen 24 Fuß breit zu sein hatte, also rund 7,50 m, und das galt für alle Straßen, das galt für die Nord, für die Breite, für die Uthmannstraße und so weiter. Wenn man das heute mal nachmisst, sind die Straßen immer noch fast genau 24 Fuß breit in ganz Witten, außer natürlich die Husemannstraße zum Beispiel, also die großen Durchgangsstraßen. Aber das waren damals schon bis auf die Husemannstraße überörtliche Straßen, also staatliche Straßen, sogenannte Chausseestraßen: Crengeldanz Straße, Sprockhöveler Straße, Hörder Straße, keine kommunalen Straßen. 

Ruhr-Gymnasium Witten (Foto: KG)Foto: Kerstin Glathe
Ruhr-Gymnasium Witten (Foto: KG)

Außerdem musste eine Straße auf jeder Seite einen 8 Fuß breiten Bürgersteig haben. Das haben wir in Witten oft nicht mehr, stattdessen haben wir ja überall diese viel zu vielen Parkplätze. Aber warum heißt die Breite Straße Breite Straße, und wo kommt der Name überhaupt her, und was hat sie für einen städtebaulichen Zweck? 

Die Breite Straße existierte bis 1860 ungefähr nur von der Kreuzung Herbeder Straße -Bahnhofstraße bis zum heutigen Karl-Marx-Platz, und es war eine Privatstraße. Die gehörte dem Sägewerksbesitzer Rüping. Rüping war einer der größten Grundstücksbesitzer hier in diesem Stadtentwicklungsgebiet, und er verdiente eine Menge Geld an der Stadterweiterung, weil er seine Grundstücke an interessierte Bauherren verkaufen konnte, nachdem die Straßen offen gelegt waren. Er hat sich dann eine schöne Villa an der Ruhrstraße gebaut. Das ist das heutige Gebäude der Kreissparkasse. Er ist also hier weggezogen.

Die Bahn hatte ein kleines Problem. Die heutige Bahnlinie nach Dortmund verlief etwas weiter in Richtung zu uns hin, sie macht ja so eine Kurve um die Wittener Innenstadt und führt am Sonnenschein vorbei nach Dortmund. Früher ging die Bahnlinie durch die Jahnstraße. Man kann die Brücke heute noch sehen, also durch die Jahnstraße auf das heutige Gelände des Ausbesserungswerks an der Kesselstraße. Die Brücke ist noch erhalten, darunter verliefen die Gleise, und genau an diesem Bahndamm entlang gingen die Leute, die aus Richtung Bochum kommend in die Wittener Innenstadt wollten. Sie hätten sonst den Crengeldanz hinauf bis zum Marienhospital gehen müssen und dann die Hauptstraße runter in die Innenstadt. Das war den meisten zu weit. Der Bahnhof befand sich am Ende der heutigen Breitestraße, also eben da, wo die Moschee ist, und der kürzeste Weg aus Richtung Bochum war über den Bahndamm dahin zu gehen. Wenn man sich das bildlich vorstellt, der Bahndamm bildete die Sehne eines Halbkreises, der vom Crengeldanz über das Marienhospital runter zur Bahnhofstraße und zum Bahnhof führte. Das war der Bahn ein Dorn im Auge, dass die Leute da in Scharen den Bahndamm als Fußweg benutzten. Deswegen wurde die Breitestraße verlängert und erhielt die heutige Trassenführung. 

Und dann gibt es noch eine Besonderheit, die Professor Schoppmeyer herausgefunden hat. Einige Grundstückseigner der Breitestraße wollten keine Grundstücke dafür hergeben, dass die Breite Straße quasi wie mit dem Lineal gezogen geradeaus ging. Das führte dazu, dass die Breite Straße ein bisschen weiter in Richtung Südosten verlegt wurde. Dadurch entstand dann der Knick, den man noch heute am Karl-Marx-Platz in der Straßenführung sieht. Dadurch liegt die Breite Straße so, wie wir sie jetzt kennen, auf den mittelalterlichen Gemarkungsgrenzen. Also, wenn man ein Stück Mittelalter in Witten sucht, dann findet man das hier unter der Breiten Straße, wo die alten Gemarkungsgrenzen verliefen.

Nordstraße Witten

Die Nordstraße ist eine der älteren Straßen, die schon existierte, als beschlossen wurde, die Bredde in ein Stadt Erweiterungsgebiet umzuwandeln. Die hatte damals noch keinen Namen, ich glaube, sie wurde 1863 benannt, und die ersten Pläne gehen ja auf 1850, 1852 zurück. Das war damals ein Weg, der ungefähr nur Richtung Norden führte. Wir haben die Oststraße, wir haben die Südstraße, aber erstaunlicherweise keine Weststraße in Witten.

282,30

Meter länge

30. Juli 1863

Datum der Bennenung

Wichtige Einrichtungen

Haus der Jugend & Breddeschule

Die Nordstraße Nummer 20 von David Stehn, das ist das älteste Haus, typisch für die Bauweise bürgerlicher Häuser um 1860, das Baujahr ist wahrscheinlich 1863, kann doch 1859 sein. Da hat ein Anstreicher gewohnt, also ein Handwerker, der das Haus für sich und seine Familie errichtet hat. Es war das erste Haus und lange das einzige in dieser Straße, und dann wurden einige neue Häuser gebaut. Der Unternehmer Lüneburger hat das Zimmermannshaus, Hausnummer 23, mit dem schönen Spruch „deutsches Haus, deutsches Land. Beschirm es Gott mit starker Hand“ errichtet. Die Nummer 25 hat er errichtet, die Häuser Nummer 27 und das Haus um die Ecke, das gehörte dem Unternehmer Moll. Das sind also Häuser, die den Zweiten Weltkrieg nicht unbeschadet überstanden haben, aber immerhin gut renoviert wurden.

Das Haus Nummer 19 steht leider nicht mehr. Das hat die jüdische Gemeinde ursprünglich errichtet, da war die zweite Wittener Synagoge drin und die jüdische Schule. Das Haus Nummer 17 gab es nie, Nummer 15 ist das heutige Haus der Jugend, das gehörte dem Unternehmer Röding. Nummer 13 gehörte dem Herrn Fürst, ein sehr wichtiger Unternehmer in Witten. Nummer neun war ein Bergassessor, also ein sehr wichtiger Beamter für den Bergbau. In der Nummer 16, der Finanzinspektor Kaulart. Da ist dann, nachdem er ziemlich früh verstorben ist, ich weiß gar nicht, ob es seine Tochter oder seine Witwe war, Anna Kaulart, sehr lange gewesen. Die war Rotkreuzschwester. Und sehr spannend, hat die die unteren Räume im Erdgeschoss dieses Hauses an das damalige Bauamt der Stadt Witten vermietet, welches in der Nordstraße 19 untergebracht war, nachdem die jüdische Gemeinde da ausgezogen und zur Synagoge gezogen war. Die war nämlich eine richtig starke Frau. Unterm Dach, wo eigentlich die Dienstmädchenzimmer waren, hat unter anderem zu Beginn Gregor Boecker mal ein Zimmer gehabt für zwei Jahre. Boecker hat hinterher mit seiner Frau ein Kleidungstextilgeschäft aufgemacht. Beide sind ohne Kinder verstorben und haben mit ihrem Vermögen die Bürgerstiftung gegründet. Und dazwischen gibt es noch ganz viele jüdische Geschichte hier in der Nordstraße.

Jedenfalls ist die Nordstraße ein gutes Beispiel dafür, wie die Pläne der Stadt Witten schiefgingen.

Denn in allen Dokumenten ist zu lesen, die Stadt wollte gerne Arbeiterwohnungen haben, um die zunehmende Arbeitsbevölkerung unterzubringen. In der Nordstraße gibt es nicht ein einziges Haus, das für die Arbeitsbevölkerung gebaut wurde. Hier hat sich das solvente Bürgertum angesiedelt. Freiberufler in der Nordstraße 12 beispielsweise, das hat ein Kaufmann namens Wolfstein errichtet, für sich und seine vier Kinder. Jedes Haus hat hier eine sehr interessante Sozialgeschichte, und gleichzeitig ist es ein Symptom dafür, was in den Plänen der Stadt Witten so furchtbar schief ging.

Das soll uns aber nicht dazu verleiten, dass wir jetzt heute sagen, dass das hier so chic und bürgerlich ist, dass wir hier Gentrifizierung wollen, das wollen wir auch nicht, auf gar keinen Fall, bitte nicht. Noch ist alles schön bodenständig, die Mietpreise sind noch okay, aber wir müssen abwarten.

Wir sind also einmal um unser ganzes Viertel herum gelaufen, haben sozusagen die Grenzen abgesteckt, und werden dann auf die einzelnen wichtigen, schönen und spannenden Sachen in diesem Viertel noch zurückkommen.

Die wichtigsten Quellen liegen im Stadtarchiv in Witten, nämlich die Unterlagen über die damaligen Diskussionen, Pläne, wie bekommen die Stadtväter zwischen 1850 und 18760 diese Stadterweiterung hin. Es gab noch keine Maschinenschrift, die Dokumente sind in deutscher Schrift, in Sütterlin, geschrieben und extrem schwer zu lesen.

Es gibt noch weitere Quellen, an die man schlecht rankommt, das sind die Akten des Bauordnungsamtes. Das hat ein wunderbares Archiv. Da gibt es nämlich über jedes Haus in Witten eine Akte. Falls die Häuser abgerissen werden, wandert die Akte ins Stadtarchiv, dann hat man’s einfach. Aber ansonsten sind die nach wie vor im Bauordnungsamt. Man hat grundsätzlich das Recht, nach dem Informationsfreiheitsgesetz darauf zuzugreifen, aber es ist nicht so ganz einfach, da immer schutzwürdige Belange Dritter berührt werden. Wer ein Haus besitzt in diesem Viertel, der dürfte kein Problem haben, seine Akte zu bekommen.

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