Karl-Marx-Platz – Die Germania – Ein Denkmal zwischen Vergangenheit und Gegenwart

Podcast von Kerstin Glathe und Historiker und Autor Ralph Klein

Es ist ein sonniger Vormittag auf dem Karl-Marx-Platz in Witten. Autos rauschen vorbei, der Wind trägt das Rauschen des Verkehrs über die parkenden Wagen hinweg. Zwischen Asphalt, Blumenbeeten und Straßenrändern erhebt sich ein Denkmal, das viele gar nicht mehr wahrnehmen – obwohl es elf Meter hoch ist. Die Germania.

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„Mein Schwiegervater fährt hier seit Jahren vorbei“, erzählt Podcasterin Kerstin Glathe. „Und als ich ihm sagte, er solle an der Germania rechts abbiegen, meinte er: Die ist mir ja noch nie aufgefallen.

Dabei steht sie da – seit fast eineinhalb Jahrhunderten. Mit erhobenem Arm, in Stein gemeißelt, wuchtig und pathetisch. Ein Relikt aus einer anderen Zeit, ein Stück politischer Symbolik, das heute Fragen aufwirft: Was soll man mit einem Denkmal tun, das Werte verkörpert, die längst überholt sind?

Ein Platz, den niemand wollte

Historiker Ralph Klein, der sich seit Jahrzehnten mit der Geschichte Wittens beschäftigt, holt aus: „Der Karl-Marx-Platz wurde 1867 geplant – damals noch Königsplatz genannt. Er war einer von drei geplanten Marktplätzen für die wachsende Stadt.“ Doch wie so oft in der Wittener Stadtgeschichte sei aus dem Plan etwas anderes geworden: ein Parkplatz statt eines Platzes, eine verkehrsdurchschnittene Fläche, die nie wirklich zum Herz eines Viertels wurde.

Die Stadtväter jener Zeit, so Klein, seien „sparsam – um nicht zu sagen geizig“ gewesen. Grundstücke zu kaufen und Plätze anzulegen, war ihnen zu teuer. Dennoch wurde der Platz nach langen Verfahren und Enteignungen fertiggestellt – 1878. Und schon zuvor, mitten auf der Baustelle, errichtete man ein Denkmal: die Germania.

Ein Denkmal im „nationalbesoffenen Taumel“

Die Entstehungsgeschichte des Denkmals ist typisch für die Zeit nach der Reichsgründung 1871. Nach dem Sieg über Frankreich rief der Wittener Gewehrfabrikant Louis Berger – politisch einflussreich und wirtschaftlich bedeutend – zur Errichtung eines Kriegerdenkmals auf.

„Man feierte damals ein Sieges- und Friedensfest“, erzählt Klein, „und irgendwo zwischen patriotischem Überschwang und dem Einfluss alkoholischer Getränke entstand die Idee, ein Denkmal für die Gefallenen der Einigungskriege zu errichten.“

Diese Einigungskriege – gegen Dänemark (1863), Österreich (1866) und Frankreich (1870/71) – sollten in Stein verewigt werden. Doch die Spendenbereitschaft der Wittener war bescheiden. Zwei Jahre lang kam kaum Geld zusammen. Also griff Berger selbst tief in die Tasche. Erst als der Druck wuchs, beschloss die Stadt, die fehlenden Mittel aus öffentlichen Geldern zu zahlen – womit, wie Klein anmerkt, „letztlich jeder Wittener unfreiwillig an der Finanzierung beteiligt war“.

Warum gerade hier?

Ursprünglich wollte man das Denkmal auf dem Humboldtplatz errichten, zentraler, repräsentativer. Doch der Stadtrat war gespalten. Schließlich entschied Hermann Müllensiefen, Vorsteher der Stadtverordnetenversammlung und Glasfabrikant, mit seiner Stimme den Standort – zugunsten des Königsplatzes. Zufall oder nicht: Der Name seines Sohnes, Gustav Müllensiefen, ist am Sockel des Denkmals eingraviert.

Am 30. September 1877, dem Erntedanksonntag, wurde die Germania mit großem Pomp enthüllt. „Ich habe mich gefragt“, sagt Klein mit einem Schmunzeln, „welche Ernte hier eigentlich eingefahren wurde.“

Symbol einer Nation – und ihrer Widersprüche

Die Wittener Germania entspricht der typischen Ikonographie des Kaiserreichs: Krone, Schild, Schwert – und der Blick nach Paris. „Das ist kein Zufall“, betont Klein. „Alle Germanias jener Zeit schauten nach Westen, nach Frankreich – als Symbol der Wachsamkeit über das besiegte Land.“

Auf ihrer Brust trägt sie den Reichsadler, in der rechten Hand hielt sie einst einen Lorbeerkranz – Zeichen des Sieges. „Der Lorbeer ging im Krieg verloren, irgendwann in den 1950er Jahren wurde er abgenommen“, erklärt Klein. Am Sockel prangen die Namen der Schlachten – Metz, Sedan, Königgrätz, Paris – und die Widmung:

„Den gefallenen Helden – die Stadt Witten.“

Ein Satz, grammatikalisch fragwürdig, aber eindeutig im Tonfall. Es ist ein Kriegerdenkmal, kein Friedenssymbol. Es erinnert an Opfer, die als „heldenhaft“ verklärt wurden, und ruft – so Klein – „indirekt dazu auf, sich für das Vaterland zu opfern.“

Solche Denkmäler, sagt er, „romantisieren den Tod, sie machen ihn zu etwas Sinnvollem. Sie sollen das patriotische Bewusstsein schärfen – und die Lebenden zur Pflichterfüllung ermahnen.“

Vom nationalen Symbol zur Projektionsfläche

Doch die Geschichte des Denkmals endet nicht 1877. Nach dem Zweiten Weltkrieg veränderte sich sein Bedeutungsrahmen – und das Verhältnis der Menschen zu ihm. In den 1960er und 70er Jahren wurde die Germania zum Objekt jugendlicher Provokation. „Abiturjahrgänge kletterten hinauf, hängten rote Fahnen auf oder steckten ihr eine Klobürste in die Hand“, erinnert sich Glathe.

Das Denkmal, einst ein stolzes Symbol des Kaiserreichs, wurde zur Projektionsfläche für Kritik, Spott und Protest. Heute steht es unter Denkmalschutz, doch sein Sinn hat sich verschoben. „Ich denke, dieses Denkmal hat sich überholt“, sagt Klein nüchtern. „Mit seinen Inhalten jedenfalls.“

Ein Platz im Wandel – und die Frage nach dem Umgang mit der Vergangenheit

Aktuell wird der Karl-Marx-Platz umgestaltet. Er soll seinen Platzcharakter zurückerhalten, grüner, lebendiger, sozialer werden. Doch die Germania bleibt – als massives, unbewegliches Zeugnis ihrer Zeit.

Für Kerstin Glathe stellt sich die Frage: „Wie kann man dieses Denkmal in einen aktuellen Kontext stellen, ohne es zu tilgen?“ Ihre Idee: Bodenplatten im Pflaster, die in die Himmelsrichtungen der Wittener Partnerstädte weisen – nach Dagenham, Lev HaSharon, Mallnitz, Barking, Bitterfeld-Wolfen. „So könnten wir den Blick der Germania nach Paris erweitern – und die ganze Welt in den Blick nehmen.“

Ralph Klein begrüßt die Idee, betont aber: „Wichtig ist, dass wir darüber öffentlich diskutieren. Nicht jeder schreibt an den Bürgermeister, sondern dass Menschen miteinander reden – über Geschichte, Erinnerung und Verantwortung.“

Ein steinernes Relikt – und ein lebendiger Diskurs

Die Germania von Witten ist heute kein Denkmal des Stolzes mehr, sondern ein Prüfstein für die Gegenwart. Sie erinnert an den Geist des 19. Jahrhunderts, an nationale Begeisterung, an Militarismus – und an den Wandel, den eine Gesellschaft durchmachen kann.

„Ich werde das nicht auf mir sitzen lassen“, sagt Glathe zum Abschluss des Gesprächs. „Dieses Ding unkommentiert auf einem neuen Platz stehen zu lassen – das geht nicht.“

Vielleicht ist genau das der moderne Sinn des Denkmals: Nicht mehr zu verherrlichen, sondern Fragen zu stellen. Über Geschichte, über Erinnerung – und darüber, wie wir in einer offenen, friedlichen Stadt mit den steinernen Erben der Vergangenheit umgehen.

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