Witten auf dem Weg zur Schwammstadt – über Bäche und Wasser

Im Juli 2021 zeigte sich in Witten, wie stark Städte von extremen Wetterlagen betroffen sein können. Nach Regenfällen stiegen die Pegelstände der Ruhr über Nacht an. Straßen wurden überschwemmt, die Feuerwehr war im Dauereinsatz.

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„Wir haben sieben Personen von einem Campingplatz retten müssen, die sich auf ihre Wohnwagen geflüchtet hatten und von den Wassermassen eingeschlossen waren“, berichtet Dirk Lieder von der Feuerwehr Witten. Auch in Herdecke wurden Anwohnerinnen und Anwohner aus Häusern in Bach nähe gebracht, nachdem das Wasser ungewöhnlich schnell angestiegen war.

Solche Ereignisse sind nicht neu, treten in den letzten Jahren aber häufiger und intensiver auf. Städte wie Witten stehen daher vor der Aufgabe, mit veränderten Klimabedingungen umzugehen. Besonders problematisch ist dabei, dass viele kleine Fließgewässer, die früher sichtbar waren, heute verrohrt sind und dadurch nur eingeschränkt Wasser aufnehmen können.

Die Stadt reagiert inzwischen mit einem neuen Konzept: Witten soll zur Schwammstadt werden. Das Ziel ist, Niederschlagswasser nicht möglichst schnell abzuleiten, sondern im Stadtgebiet zurückzuhalten, zu speichern und kontrolliert abzugeben.

Witten, die Stadt am Wasser

Um zu verstehen, warum Witten so anfällig für Hochwasser ist, lohnt ein Blick in die Geschichte.

„Witten war schon immer eine wasserreiche Stadt“, sagt Lokalhistoriker Ralph Klein. „Die jährliche Niederschlagsmenge liegt bei etwa 870 Millimetern. Das bedeutet, dass über das Jahr verteilt 87 Liter Regen auf jeden Quadratmeter fallen. In einer Stadt mit 72 Quadratkilometern Fläche ist das eine gigantische Menge Wasser, die irgendwohin muss.“

Nicht nur die Ruhr prägt das Stadtbild, sondern auch über 150 Kilometer kleiner Bäche und Fließgewässer. Viele davon sind heute kaum noch sichtbar.

Straßennamen verraten jedoch ihre Existenz: Pferdebachstraße, Bachstraße, Bellerslohstraße oder Am Wannenbach. Sie alle gehen zurück auf Wasserläufe, die einst offen durch die Stadt plätscherten.

Einer dieser Bäche war die Johannesbeeke, die durch die Johannisstraße floss und den alten Marktbrunnen speiste.

„Der Marktbrunnen war früher ein zentraler Treffpunkt“, erzählt Klein. „Dort holte man Wasser für das Vieh, dort wuschen Frauen ihre Wäsche – bis es 1858 verboten wurde – und dort trafen sich auch Liebespaare. Der Brunnen war ein Ort der Begegnung, fast ein sozialer Mittelpunkt.“

Doch was heute romantisch klingt, konnte früher auch problematisch sein. Bei starken Regenfällen schwoll die Johannesbeeke regelmäßig an und überschwemmte Teile der heutigen Innenstadt.

Vom Lebensspender zum Abwasserkanal

Mit der Industrialisierung wandelte sich das Bild der Bäche radikal. Sie wurden zu Lastträgern für die aufstrebende Industrie.

Besonders berüchtigt war der Pferdebach, der in den Wannenbach mündet. Er nahm nicht nur das Wasser kleiner Zuflüsse auf, sondern auch die Abwässer der Zeche Walfisch, der Wittener Röhrenwerke und der Seifenindustrie.

„Der Bach war eine stinkende Brühe“, sagt Klein. „Man warf Müll hinein, Fäkalien, Abfälle, Chemikalien. Das Wasser stank, und es gab heftige Konflikte mit Bauern, deren Wiesen überflutet wurden. Das Gras konnte man den Kühen nicht mehr geben, weil die Wiesen verseucht wurden.“

Die Auseinandersetzungen waren teilweise heftig. Schon im 19. Jahrhundert stritten Bauern, Fabrikanten und Behörden über die Frage, wer für die Schäden aufkommen müsse. Damit war Witten seiner Zeit voraus – denn es war im Grunde die frühe Debatte über das Verursacherprinzip.

Die Gefahr war nicht nur hygienisch, sondern auch lebensgefährlich. Am 31. Juli 1917 kam es nach tagelangem Starkregen zu einer Katastrophe: Der Pferdebach schwoll an, brach durch den Bahndamm zur Zeche Walfisch und zerstörte Gärten und Häuser.

Verrohrt, aber nicht verschwunden

Um die Probleme in den Griff zu bekommen, entschied man sich, viele Bäche unter die Erde zu legen. Sie verschwanden in Rohren, liefen unsichtbar unter Straßen und Plätzen.

Der Bellerslohbach, der einst quer über den heutigen Humboldt-Platz floss, ist dafür ein Beispiel. Er verwandelte die Fläche regelmäßig in einen Sumpf, bis man ihn in den 1920er-Jahren unter die Erde verbannte. Doch das Problem verschwand nicht – im Gegenteil.

„Wenn es stark regnete, hob der Bach immer wieder die Straßendecke an“, sagt Klein. „Die Rohre waren zu klein. Heute weiß niemand mehr genau, wo der Bach eigentlich verläuft. Unterschiedliche Ämter waren für die Kanäle zuständig, die alten Pläne sind verschwunden. Die genauen Verläufe aller Kanäle sind der Entwässerung Stadt Witten (ESW) nicht mehr bekannt.“

Regenwasser zurück ins Gewässer

Die alten Strategien, Regenwasser einfach in die Kanalisation abzuleiten und schnell loszuwerden, sorgt für mehr Trockenheit. Witten stellt sich auf Trockenperioden ein. „Es regnet kürzer, dafür intensiver,“ erklärt Tamara Gademann, Klimamanagerin der Stadt Witten. Die Wassermassen kann die Kanalisation nicht aufnehmen. Statt die Kanalisation auszutauschen, werden Speicherbecken gebaut, das Wasser zurückgehalten. Auch Bürger können durch Begrünung Wasser in der Stadt halten, bevor es abfließt.

Schwammstadt – das neue Paradigma

Die Idee ist so einfach wie wirkungsvoll: Wasser soll nicht mehr sofort abgeleitet, sondern zurückgehalten, gespeichert und langsam abgegeben werden.

Das bedeutet:

  • Begrünte Dächer, die Regen aufnehmen.
  • Parks und Plätze, die bei Starkregen als Auffangflächen dienen können.
  • Entsiegelte Flächen, auf denen Wasser versickert.
  • Regenrückhaltebecken, die Wasser speichern.
  • Bäche, die renaturiert werden, damit sie sich bei Hochwasser ausbreiten können.

„Früher haben wir Wasser bekämpft. Heute lernen wir, mit ihm zu leben“, sagt Gademann.

Bürgerinnen und Bürger als Teil der Lösung

Die Stadt allein kann das nicht stemmen. Auch die Bevölkerung muss Teil der Schwammstadt werden.

Schon kleine Maßnahmen helfen:

  • Regentonnen am Haus.
  • Begrünte Balkone und Fassaden.
  • Kaffeesatz als Dünger, statt ihn wegzuwerfen.
  • Pflanzkübel, die Regen aufnehmen.

„Wir haben im Breddeviertel den Breddegarten als Pilotprojekt“, erzählt Petra Klein. „Das ist ein Gemeinschaftsgarten, in dem Menschen zusammenkommen,“ ein kühle Ort in der erhitzten Innenstadt.

Auch die Stadt belohnt Engagement: Seit 2023 gibt es den Wittener Umweltpreis, bei dem Bürgerinnen und Bürger ihre Projekte vorstellen können.

Historie und Zukunft verbinden

Spannend ist, dass die Schwammstadt-Idee auch eine Rückkehr zur Geschichte bedeutet. Denn was heute modern klingt, war früher selbstverständlich: Bäche waren offen sichtbar, Wiesen nahmen Wasser auf, Wälder speicherten es.

Witten am Wendepunkt

Statt Wasser als Feind zu betrachten, will die Stadt es künftig als Partner verstehen. Die Schwammstadt ist dabei nicht nur ein Schutzkonzept gegen Hochwasser – sie ist auch eine Chance für mehr Grün, bessere Luft und lebenswertere Stadtteile.

Der Weg dorthin ist lang – doch die ersten Schritte sind getan. Und vielleicht wird Witten in einigen Jahren ein Vorbild für andere Städte im Ruhrgebiet sein, die mit denselben Herausforderungen kämpfen.

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